dancerwithcancer

In einem performativen Protokoll der „Krebssprache“, das er auf der Basis von Interviews und Pantomime-Workshops mit Betroffenen entwickelt hat, wendet Hendrik Quast in „Dancer with Cancer“ zusammen mit seinem Alter Ego Hendrik mit K, einem selbsternannten Cancercoach, den grassierenden Gesundheitsfanatismus in modernen Gesellschaften ins Groteske, um gängige Krankheits-Narrative zu untergraben. Jenseits dramatischer oder dramatisierender Survivor-Erzählungen von Krebskrankheiten entwickelt Quast so neue Erzählweisen von Krankheit und Gesundheit.

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The pharmaceutical companies lie. The doctors lie. The sick lie.

The healthy lie. The researchers lie. The Internet lies. 

Anne Boyer, The Undying. A Meditation on Modern Illness, 2019

 

Die Welt, in die krebskranke Menschen nach ihrer Diagnose eintreten, scheint wie im Märchen von den Gegensätzen gut und böse geprägt. Unter der Deutungshoheit und den Routinen der Medizin sowie durch Reaktionen der Nichtbetroffenen werden nicht nur das Krankheitsgeschehen selbst, sondern auch Alltagshandlungen und Beziehungen in scharfen Gegensätzen von gutartig und bösartig denkbar, fühlbar und artikulierbar gemacht. Jedoch stellt sich die emotionale Herausforderung zwischen Heilungshoffnung und Rückfallangst für die Betroffenen emotional oft deutlich vielschichtiger dar.

 

Ganz konkret materialisiert sich die märchenhafte Logik von Gut gegen Böse in Texten auf Cancer-Merchandising-Produkten wie T-Shirts oder Tassen, aber auch in Memes von Krebs-Erkrankten auf Instagram und Facebook. In #dancerwithcancer greift der Performance-Künstler Hendrik Quast diese Phänomene auf und untersucht die Sprach-Politik(en), mit denen Gesundheit und Krankheit in der modernen Mediengesellschaft verknüpft werden.

 

Sein Ziel ist die Irritation der vermeintlichen Eindeutigkeit der Begriffe Gesundheit und Krankheit, damit ihre Deutungsoffenheit für das Publikum performativ auf eine Weise erfahrbar wird, wie sie sich für die Betroffenen selbst darstellt.

Dafür protokolliert Hendrik Quast in selbst initiierten Pantomime-Workshops und Einzel-Interviews mit Teilnehmer*innen von Stuttgarter Sportgruppen und Selbsthilfeangeboten für krebskranke Menschen deren Sprechweisen zur Beschreibung ihrer Krankheit.

Auf der Grundlage dieser Aufzeichnungen entwickelt Hendrik Quast die Inszenierung seines Alter Egos Hendrik mit K auf dem eigenen Instagram-Account „dancerwithcancer“. Hier gibt der Performance-Künstler durch pantomimische Workouts Einblicke in die fingierte Alltagsrealität eines selbsternannten Cancercoaches. Die Selbstwahrnehmung(en) von Krebspatient*innen und Fremdzuschreibungen führt er ununterscheidbar vor Augen und Ohren. Als Hendrik mit K erlebt das Publikum ein märchenhaftes Zwischenwesen von Krankheit und Gesundheit, ein Individuum und Ding zugleich, Subjekt und Objekt in einer Erscheinung, ein Dualismus von „Ich“ und „Es“ – zugleich lebendig und tot, etwas Organisch-Anorganisches.

 

Jenseits dramatischer oder dramatisierender Survivor-Erzählungen von Krebskrankheiten geht es Hendrik Quast darum, in #dancerwithcancer neue Erzählweisen von Krankheit zu entwickeln. Instagram wird als neuer Ort zur Thematisierung von Krankheit genutzt und gefragt, wie sich kranke Menschen zukünftig auf Social Media bewegen können. In seinem performativen Protokoll der „Krebssprache“ wendet er den grassierenden Gesundheitsfanatismus in modernen Gesellschaften ins Groteske, um gängige Krankheits-Narrative nicht nur zu unterhöhlen, sondern diskriminierende Sprachmechanismen gegenüber krebskranken Menschen zu entlarven.

Hendrick Quast

wurde 1985 in Celle geboren. Er studierte am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Seit 2009 arbeitet der Performancemacher im freien Theater- und Kunstkontext sowie als Hörspielmacher für den WDR. Seine Arbeiten wurden mit freien Produktionshäusern wie Sophiensæle Berlin, Mousonturm Frankfurt, Gessnerallee Zürich, FFT Düsseldorf sowie Kampnagel Hamburg produziert und u.a. zum Impulse-Festival eingeladen. Er erhielt Arbeitsstipendien und Förderungen von der Film und Medien Stiftung NRW, dem Berliner Senat, dem Hauptstadtkulturfonds sowie dem Goethe-Institut. Mit einem prozessualen Kunstbegriff widmet er sich alltäglichen Praxen und handwerklichen Kulturtechniken wie Tierpräparation, Trauerfloristik oder Nageldesign. In aufwändigen Recherchen werden die Sprechweisen dieser Felder genau protokolliert und ihre Dingwelten visuell dokumentiert. Bei der Übersetzung dieser Recherchen auf die Bühne entstehen grotesk-komische Welten. Quast erscheint darin als überhöhtes Alter Ego, das eigenen Sprachfolien, Logiken und Aktionsnotwendigkeiten folgt. Das Publikum wird durch diese subversive Komik herausgefordert, sich mit Themen wie Natur in der Kunst, sozialer Herkunft und (prekären) Arbeitsformen zu beschäftigen.

https://vimeo.com/user8171488

© Florian Krauss