Figuring Age

Boglárka Börcsök untersucht die Biopolitik des gealterten Körpers. Ihr Dokumentarfilm DIE KUNST DER BEWEGUNG erzählt die Lebensgeschichte dreier älterer Tänzerinnen, die Teil der Avantgarde und der modernen Tanzszene in Ungarn waren. Ausgehend von diesen Erzählungen verkörpert die Künstlerin die Geschichten und Erinnerungen ihrer Protagonistinnen Irén, Éva und Ágnes – die alle über 90 Jahre alt sind – in einer Dauerperformance: eine Übung in Empathie, um die Angst vor dem Altern und dem Tod zu exorzieren.

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Die Performance Figuring Age schafft einen Raum für generationsübergreifende Erfahrungen und Solidarität, indem Boglárka Börcsök drei ältere Tänzerinnen verkörpert und deren persönliche Geschichten, Bewegungen und Gesten in einer Choreografie der Erinnerung weitergibt. Es geht hier um die Möglichkeit, unsere Beziehung zur Vergangenheit und Geschichte neu zu gestalten, darum, Allianzen für die Zukunft zwischen Jungen und Alten zu schaffen.

 

Der Wunsch, das Altern zu überwinden und der Sterblichkeit zu trotzen, ist in patriarchalischen Gesellschaften seit Jahrhunderten eine Quelle der Macht und des Profits – und heute präsenter denn je. Die Suche nach lebensverlängernden Elixieren und verjüngenden Behandlungen wird von Biotech-Firmen wie Google’s Calico, Human Longevity, Inc., ETH Zürich übernommen. Sie verkaufen Produkte, die den Anspruch erheben, das Leben und die Jugendlichkeit zu verlängern – für diejenigen, die dafür bezahlen können. Wissenschaftler und Geschäftsleute wie Raymond Kurzweil (Google) und Elon Musk (Tesla, PayPal) – um nur einige zu nennen – stellen sich eine Zukunft vor, in der Nanoroboter den Körper reparieren, oder dass es sogar möglich wird, das Gehirn in eine Maschine herunterzuladen. »Die Scham und der Ekel, Mensch zu sein (einen menschlichen Körper und einen körperlich bestimmten Geist zu haben), ist die psycho-epistemische Prämisse der transhumanistischen Ideologie.« (Franco Berardi)

Für die Mehrheit der Weltbevölkerung, die sich diese utopischen Alternativen nicht leisten kann, wird die Alterung jedoch zu einer zunehmenden Quelle von Angst und führt zu prekären Lebensformen aufgrund der ständigen Zerstörung der sozialen Wohlfahrtssysteme durch die neoliberale Marktwirtschaft. Das Altern ist unsere unmittelbare Zukunft. Und gerade angesichts der aktuellen Pandemiekrise gewinnt die Frage, wie die Gesellschaft mit älteren Menschen umgeht, einmal mehr an Bedeutung und Dringlichkeit.

Zwischen 2016 und 2019 arbeitete ich an einem Film über drei ältere Tänzerinnen in Budapest. Die drei Damen – jede von ihnen über 90 Jahre alt – waren Teil der frühen Entwicklung des Modernen Tanzes. In dem Film zeige ich, wie jede dieser Frauen Widerstand leistete, sich reformierte und ihr Leben und ihre Tanzpraktiken veränderte, um die großen sozialen und politischen Veränderungen des letzten Jahrhunderts zu überleben. Während der Dreharbeiten habe ich mit drei älteren Tänzerinnen geprobt, um ihre Körper-Erinnerungen auszulösen und zu stimulieren. Diese körperliche Arbeit setzte sich während des Schnittprozesses fort: Während ich mir das Material ansah und wieder ansah, begann ich, ihre Gesten, ihren Ausdruck und ihre Geschichten zu lernen. Die drei Damen traten wie Geister in mich ein und ich begann, sie aufzuführen.

 

Als junge Tänzerin/junger Tänzer einen gealterten Körper darzustellen, ist ein Prozess des ständigen Werdens und Verwandelns – ein Schwindelgefühl. Denn der alternde Körper enthält nicht nur einen Körper. Vielmehr sind es mehrere Körper, bestehend aus geschichteter Zeit, Erfahrungen und Erinnerungen im Verfall.

»Die Etymologie des Wortes ›Erfahrung‹ impliziert den Tod: ex-perire. Der Tod als Endziel der Zeit ist die Quelle der Intensität.« (Franco Berardi)

 

Meine Performance Figuring Age verwebt die persönlichen Geschichten und Lebenserfahrungen der Frauen mit ihren alltäglichen Aufgaben und privaten Momenten, vergrößert Details ihrer Tanzbewegungen, Gesten und Körperhaltungen und schafft so eine Choreografie der Erinnerungen.

Indem ich die Zuschauer*innen direkt anspreche, sie beispielsweise bitte, mir beim Aufstehen zu helfen, von einem Platz zum anderen zu gehen usw., wird die Beteiligung des Publikums zur sozialpolitischen Substanz der Aufführung – eine Übung der Empathie ohne Mitleid.

Langsamkeit und Zerbrechlichkeit erfordern eine andere Ökonomie der Aufmerksamkeit, die es dem Publikum erlaubt, in eine andere Zeitlichkeit und körperliche Erfahrung einzutreten. Es ist diese fiktionale Annäherung, die den Zuschauer in gewisser Weise in sich hineinzieht.

Boglárka Börcsök

 

Boglárka Börcsök

Die Künstlerin und Performerin Boglárka Börcsök, geboren 1987 in Ungarn, studierte Tanz und Choreografie an der Anton Bruckner Privatuniversität in Österreich und bei P.A.R.T.S. in Belgien. Als Performerin arbeitete sie international mit verschiedenen Künstlern zusammen. Zu ihren bisherigen Projekten gehören Performances und Ausstellungen mit Kate McIntosh, Ligia Lewis, Tino Sehgal, Boris Charmatz und Joachim Koester, die sie in Theatern, Galerien und Museen weltweit präsentierte.

In den letzten Jahren arbeitete Boglárka Börcsök künstlerisch eng mit Eszter Salamon zusammen. Ihre jüngsten Werke sind Das Valeska-Gert-Museum und Das Valeska-Gert-Monument in Salamons MONUMENT-Reihe, die im Centre Pompidou, Kaaitheater, PACT Zollverein, ImPulsTanz-Festival und Museu Serralves gezeigt werden.

Boglárka Börcsök arbeitet an der Schnittstelle zwischen Tanz, Choreografie, Film-, Video- und Spracharbeit. Ihre Projekte gehen von persönlichen Begegnungen und der Praxis des Zuhörens und Schauens aus. Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit verborgenen Geschichten, vergessenen Künstlern, ungesehenen Machterzählungen, die durch choreografische Methoden und Praktiken der Verkörperung erforscht werden. Boglárka Börcsök lebt und arbeitet in Berlin und Budapest.

© Andreas Bolm

Andreas Bolm

Der Filmemacher und Künstler Andreas Bolm wurde 1971 geboren. In seinen Filmen porträtiert er Menschen in ihrem sozialen und familiären Umfeld, indem er zugleich den schmalen Grat zwischen Dokumentation und Fiktion untersucht. Filme wie Ròzsa (2000), The Sleepers (2003), Jaba (2006), All The Children But One (2008) und School Files (2012) wurden auf vielen Festivals weltweit gezeigt. Jaba wurde 2006 auf dem Festival de Cannes präsentiert und auf dem Zinebi-Filmfestival in Bilbao als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Im Jahr 2009 nahm Andreas Bolm am Cinéfondation Résidence Festival de Cannes teil. Sein erster Spielfilm The Revenants wurde 2013 auf der 63. Berlinale, Perspektive Deutsches Kino, uraufgeführt und im MoMA in New York präsentiert. Im Jahr 2014 hatte Andreas Bolm ein sechsmonatiges Stipendium an der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart, wo er seinen zweiten Spielfilm Le Juge (2016) entwickelte. Derzeit arbeitet Andreas Bolm mit der ungarischen Künstlerin und Performerin Boglárka Börcsök an mehreren Film- und Performance-Projekten zusammen. Andreas Bolm lebt und arbeitet in Deutschland, Ungarn und Frankreich.

© Boglárka Börcsök