Kanons – Versuch über die Natur und die Funktion des Musikalischen Opfers

J. S. Bach schickt das »königliche Thema«, das ihm Friedrich II. vorgegeben hat, durch verschiedene Kanon-Techniken. In manchen Kanons folgen sich wie üblich die Stimmen versetzt mit derselben Melodie, in anderen kehren Stimmen ihre Richtung um, laufen rückwärts oder verlangsamt, manchmal werden die Verfahren kombiniert. Roman Lemberg inszeniert vier Musiker*innen im Paternoster-Aufzug und bringt die Kanons in eine Kreisbewegung. Stellvertretend für den lange verschwundenen Körper des Königs wird das Thema in einem musikalischen Opferritual ausgeschmückt, zerstückelt und wieder neu zusammengesetzt.

Mehr Informationen

Kanons wird für die Paternoster im Literaturhaus Stuttgart und im Stuttgarter Rathaus konzipiert. Besucher*innen werden erleben, wie vier Musiker*innen dort Kanon-Kompositionen aus dem Musikalischen Opfer von J. S. Bach spielen und weiterentwickeln. Die Kreisbewegung der „endlosen“ Kanons spiegelt dieKreisbewegung des Paternosters.

Ein wenig spielt Roman Lemberg in seinem Projekt auch mit der Herkunft des Namens »Paternoster«, die sich vom katholischen Brauch des Rosenkranz-Betens herleitet: In diesem Ritual werden an den rundlaufenden Perlen alternierend ein Vaterunser und zehn Avemaria-Gebete abgezählt.

 

Die Kanons werden im Loop gespielt. Für eine gewisse Zeit nehmen die Besucher*innen an deren Ablauf teil. In vier Kammern des Paternosters wird ein Ensemble von vier Musiker*innen installiert. In anderen Kammern des Paternosters sind diverse klingende Objekte arrangiert: ein vibrierender Gong, nebeneinandergestellte Gläser, die auf das Ruckeln des Paternosters reagieren etc.

 

Die einzelnen Stimmen, entfernen sich, nähern sich, sind mal deutlicher, mal verschwommen zu hören, treffen sich für Momente und trennen sich wieder. Auch die Hörer*innen können immer wieder ihren Platz wechseln. Je nach Standpunkt nehmen Musiker*innen wie Hörer*innen vollkommen individuell verschiedene „Entwicklungsstufen“ der im Wortsinn einmaligen Aufführung wahr. Alles entfaltet sich in Variationen, immer ausgehend von der Melodie des „königlichen Themas“.

Doch wer lange genug zuhört, kann irgendwann einen Eindruck, eine Idee davon bekommen, wie der übergeordnete kompositorische Plan angelegt ist.

 

Kanons ist nicht nur ein ungewöhnliches Konzert-Ereignis, sondern bietet – wie die Konzerte in Zeiten des Barock – auch Freiraum für Austausch und ungeplante Begegnungen (wenn auch auf Distanz).

Roman Lemberg (Regie / Konzeption)

arbeitet als Musiker und Dramaturg in den Bereichen des experimentellen Musiktheaters, der Bildenden Kunst und der künstlerischen Forschung. Er studierte Musiktheaterregie in Hamburg und Berlin. 2012-14 arbeitete er für das künstlerische Forschungsprojekt „Die Zukunft der Oper“ an der Kunstuniversität Graz. Eine kontinuierliche Zusammenarbeit verbindet ihn mit dem Kollektiv Hauen und Stechen, Berlin. Ein Schwerpunkt seiner aktuellen Arbeit liegt auf der Erforschung „sakraler Räume und Techniken“ im zeitgenössischen Theater und der Performance-Kunst.

Michael Kleine (Ausstattung)

ist Bildender Künstler, Bühnen- und Kostümbildner. Seine Arbeiten führen Raum-Inszenierung, Objektarbeiten und soziales Erleben zusammen. Gemeinsam mit Roman Lemberg zeigt er seit ca. zehn Jahren eine Reihe von Inszenierungen, immer neu situiert zwischen den Genres Ausstellung, Konzert und Performance. Zurzeit ist er Stipendiat der Akademie Schloss Solitude.

Johanna Ziemer (Dramaturgie)

lebt und arbeitet als freischaffende Dramaturgin in Berlin. In den letzten Jahren verband sie eine enge Zusammenarbeit mit dem Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen. In Zusammenarbeit mit ihren Kolleg*innen erforscht Johanna Ziemer die Spannung zwischen Interpretation und Performance sowie die Umsetzung von Vielsprachigkeit und Multiperspektivität